Fahrbericht: VW Jetta - Ende gut, alles gut?

Verkehrte Welt: Während der Jetta in den USA das beste VW-Pferd im Stall ist, gehört der Golf dort nicht zu den Verkaufsschlagern. In Deutschland dagegen dümpeln die Zulassungszahlen des Viertürers vor sich hin, während der Kompakt-Klassiker quasi ein Selbstläufer ist. Kein Wunder also, dass die neue Generation des Jetta ihre Premiere in Amerika feierte.

Erst jetzt, vier Monate später, kommt sie ab dem 21. Januar zu den deutschen Händlern. Allerdings mit einigen Unterschieden im Vergleich zu der US-Version. Die Technik ist anspruchsvoller, die Motoren sind sparsamer und vor allen Dingen ist das in Deutschland angebotene Modell deutlich teurer. Der in Mexiko gebaute Jetta kostet hier mindestens 20.900 Euro (USA ca. 13.000 Euro) und damit rund 1.500 Euro mehr als ein vergleichbar motorisierter und ausgestatteter Golf.

VW Jetta

Fangen wir mit dem Ende an

Ja, das Heck des neuen Jetta sieht gut aus. Es passt zum Gesamtbild der Stufenhecklimousine und wirkt nicht mehr einfach aufgeflanscht wie bei früheren Jettas oder Boras. Bei der mittlerweile sechsten Generation betonen die Designer die formale Eigenständigkeit des Viertürers. Das „Rucksack-Golf-Image“ soll endgültig der Vergangenheit angehören. Und so legt man Wert darauf zu betonen, dass kein Karosserieteil des Golf genutzt wurde. Trotzdem: Von aufregendem oder emotionalisierendem Design kann keine Rede sein. Er ist nett anzusehen, sieht eben aus wie ein VW und hat nur einen geringen Identifikationswert. Immerhin kommen keine Assoziationen von Wackeldackel-Figuren und/oder umhäckelten Klopapierrollen auf der Hutablage auf.

Motorenpalette

Obwohl – man könnte solches Zubehör durchaus dort platzieren. Die zum Markstart am 21. Januar verfügbare Motorenpalette animiert ja eher zum gelassen Fahren. Zur Wahl stehen der 1,2-Liter-TSI mit 77 kW/105 PS und zwei TDI. Der 1,6-Liter leistet 77 kW/105 PS, der 2,0-Liter kommt auf 103 kW/140 PS. Beide Basisaggregate sind gegen einen Aufpreis von 400 Euro als BlueMotion Technology mit einem Start-Stopp-System und Energierekuperation erhältlich.

VW Jetta

Das Gros der Käufer dürfte sich für den kleinen Selbstzünder entscheiden. Und der ist keine schlechte Wahl. Empfehlenswert ist hier trotz des Mehrpreises von 2.200 Euro die Kombination mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe satt des serienmäßigen Fünfgang-Schalters. Die Kraftentfaltung- und Übertragung erfolgt unaufgeregt. Das Drehmoment von 250 Nm steht schon im unteren Drehzahlbereich zur Verfügung. In knapp zwölf Sekunden könnte man von 0 auf 100 km/h „spurten“, man kann es aber auch gelassener angehen. Fahrwerk und Lenkung sind für entspanntes Cruisen abgestimmt, die Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h ist für Autobahnfahrten ausreichend. Nur der Verbrauch wollte sich während der entspannten Testfahrt mit einer BlueMotion-Version nicht der relaxten Fahrweise anpassen. Der Bordcomputer zeigte als Durchschnittswert 5,8 Liter an: 1,5 Liter mehr als von VW angegeben.

Der zweite prognostizierte Volumenmotor, der 1,4-Liter-TSI mit 90 kW/122 PS, ist erst ab Sommer erhältlich. Außerdem schiebt das Unternehmen im Frühjahr noch einen TSI mit 118 kW/160 PS nach. Das ab Spätherbst verfügbare GTI-Triebwerk, das im Jetta 147 kW/200 PS leisten wird, dürfte jedoch nur wenige Kunden ansprechen und ist eher als Versuch zu werten, dem Viertürer ein sportliches Image aufzupfropfen.

VW Jetta

Andere Qualitäten

Aber schließlich gelten besonders bei einem Stufenheck andere Qualitäten als Sportlichkeit. Ladekapazität und Platzangebot zum Beispiel. Beides bietet der Jetta reichlich. Der 510 Liter fassende Kofferraum wirkt riesig, man braucht ganz schön lange Arme um an Gepäckstücke in den hinteren Ecken zu kommen. Lange Extremitäten stören zudem weder auf den vorderen noch auf den hinteren Sitzen. Der 4,64 Meter lange Viertürer bietet dank seines Radstands von 2,65 Meter üppige Platzverhältnisse, einzig im Fond mitreisende Sitzriesen haben wegen der leicht abfallenden Dachlinie wenig Kopffreiheit.

Kein Billigangebot

Das Interieur wirkt sachlich und aufgeräumt. Schalter, Knöpfe, Blenden sowie Bedienelemente sind aus anderen des Armaturenbretts kann den Vergleich mit den sonst verwendeten Qualitäten nicht mithalten. Das ist schade, schließlich ist der Jetta kein Billigangebot. Mindestens 20.900 Euro kostet die Limousine mit dem 77 kW/105 PS-Benziner. Die Sicherheitssaustattung der Trendline genannten Basisversion umfasst zwar alle klassenüblichen Merkmale, doch das Komfortniveau ist nicht mal durchschnittlich. So fehlt beispielsweise ein Radio. Das ist serienmäßig erst ab dem zweiten und 1.700 Euro teureren Ausstattungslevel Comfortline an Bord, auf das wohl die meisten Kundenbestellungen entfallen werden. Hier gibt es noch u.a. 16-Zoll-Leichtmetallfelgen, Lederlenkrad, Parksensoren und Taschenhaken im Gepäckraum.

Mehr Komfort geht natürlich immer und so bietet VW neben der Top-Version Highline (Aufpreis zu Comfortline: 1.100 Euro) noch diverse Optionen, um das Fahrzeug sicherer und wohnlicher zu gestalten.

VW Jetta

Also Ende gut, alles gut?

Der Jetta wird für VW sicherlich ein Erfolg, aber eher nicht in Deutschland, sondern in Ländern, in denen das Stufenheck höheres Ansehen genießt. Zumal der Viertürer hierzulande auf harte konzerneigene Konkurrenz trifft. Wer sich für einen großen Kofferraum begeistert, ist auch mit dem Skoda Oktavia gut bedient: Der hat 560 Liter Kofferraumvolumen und ist rund 2.000 Euro günstiger.

Datenblatt VW Jetta: Stufenheck-Limosine

Länge: 4,64 m
Breite: 1,78 m
Höhe: 1,45 m
Radstand: 2,65 m
Gepäckraumvolumen: 510 Liter

VW Jetta – Kurzcharakteristik

Alternative zu: Skoda Octavia
Sieht gut aus: neben einem Tarnkappenflugzeug
Passt zu: Menschen, die sich noch gut erinnern können, wie es war, die abgelegten Kleidungsstücke der Geschwister auftragen zu müssen und daher schon damals Mitgefühl mit dem Golfteile-Verwerter Jetta hatten.
Was noch kommt: Im Laufe 2011 drei weitere TSI-Motoren mit 122 (Sommer), 160 (Frühjahr) und 200 PS (Spätherbst); 2012 zunächst in den USA eine Voll-Hybridversion mit dem 1,4-Liter-TSI (110 kW/150 PS) und Elektromotor mit 20 kW
Was kommt nicht: Kombi, Cabrio, Designpreise

Quelle: auto.de/Spot Press Services GmbH

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hobscotch Gründer und redaktionell Verantwortlicher von VW-DUDE.DE seit dem 24. September 2003. Weitere Informationen findet Ihr auf hobscotch.de

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